Vom Schatten ins Licht: El Monarca de las Sombras

Javier Cercas kehrt zu seinen Anfängen zurück und blickt in seinem neuen Roman El Monarca de las Sombras auf einen verstörenden Toten des spanischen Bürgerkriegs

Wie ein Trauma muss manchmal die eigene Familiengeschichte erst indirekt bearbeitet werden, bevor sie direkt angegangen werden kann – das jedenfalls impliziert die bibliographische Vita von Javier Cercas, einem der erfolgreichsten zeitgenössischen spanischen Schriftsteller. International bekannt wurde Cercas durch seinen Roman Soldados de Salamia. Im Zentrum stehen hier ein Reporter und sein Versuch, ein Ereignis des spanischen Bürgerkrieges zu verstehen: Warum lässt ein Soldat der republikanischen Armee den zum Tode verurteilten ideologischen Mitgründer der Falange Sanchez Maza entkommen?

Cercas’ neuer Roman, El Monarca de las Sombras, dreht die Perspektive um: Erzählt wird die Geschichte von Cercas’ Großonkel Manuel Mena, der sich als 17-jähriger der Falange des Bürgerkriegs anschließt und in der legendären Schlacht am Ebro fällt. Parallel zu Menas kurzem Leben wird Cercas’ eigene Recherche und sein Interesse am Großonkel geschildert: Schließlich hat Mena als schattenhafte Heldenfigur in Familienerinnerung fortgelebt und war genau deshalb für Cercas zu einem schwer konfrontierenden Teil der seiner Herkunft geworden. Durch diesen Aufbau setzt Cercas um, was sich bereits der Reporter in Soldados de Salamina vornimmt: er schreibt ein relato real, eine reale Erzählung, also die ästhetisch überformte Wiedergabe eines historischen Sachverhalts, deren eigene Entstehungsgeschichte offengelegt wird.

Das Bindeglied zwischen beiden Ebene bildet Cercas’ Mutter. Sie kannte Mena noch als Kind und ihre Figur wird Cercas wiederholt zum Anlass einen Blick auf das Leben im Nachkriegsspanien, sein eigenes Verhältnis zu seinem Herkunftsdorf und natürlich auch die Frage zu werfen, wie durch die Figur Menas die an ihn weitergegeben Erwartungshaltungen beeinflusst wurden. Angenehm an diese Passagen ist, dass Cercas zwar die Gedanken fließen, aber nicht ausufern lässt. Auch durch die Figuren, die Ceracas auf seiner Recherche begegnen, werden die der Gegenwart gewidmet Abschnitte zum Teil spannender als die Schilderung von den Geschicken der eigentliche Hauptfigur Mena.

Menas militärischer Werdegang wird minutiös und manchmal etwas zu minutiös rekonstruiert. Obwohl die Persönlichkeit des Großonkels demgegenüber schemenhaft bleiben muss, lässt der Cercas auch diese im Laufe seiner Darstellung an Komplexität gewinnen. Daher steht am Ende der Erzählung für alle Beteiligten diejenige Einsicht, die auch Achill in der Unterwelt schon ereilte: Es ist besser unheldenhaft zu leben, statt als König im Reich der Schatten zu herrschen.

Um einen Einstellungswandel bei seiner Hauptfigur glaubwürdig zu machen, stützt sich Cercas auf einen Text aus Menas eigener Feder ­– und eine Erinnerung aus zweiter Hand. Dass einer der entscheidenden Bausteine aus so ungesicherter Quelle stammt, ist aus ästhetischer Sicht ist es dankenswert. Hierdurch kann offenbleiben, ob wir an die Realität des versöhnlichen Endes glauben oder es als Ausdruck unseres kollektiven Wunsches betrachten, dass die Vernunft sich schlicht durchsetzen müsse.

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