Ein Exerzitium der Entfremdung

Warum es sich lohnt, sich mit der spanische Bürgergarde des 19. Jahrhunderts zu beschäftigen

Als sich in Folge der Kölner Silvesternacht 2016 Bürgerwehren bildeten und diese in Bayern noch Mitte des Jahres sogar von offizieller Seite ausgebaut werden sollten, erschreckte das nicht nur mich. Auch von der Presse wurden die Einrichtungen mit rechtspopulistischen Bewegung in Verbindung gebracht (1). Ganz anders war die Wahrnehmung von Bürgergarden im 19. Jahrhundert. Galt doch zumindest bis Mitte des 19. Jahrhunderts fast europaweit die Schaffung von lokal organisierten Körpern bewaffneter Bürger als eine ernstzunehmende Alternative zu Polizei und Armee – und damit auch zu Obrigkeitsstaat und Militarismus. Folglich waren Bürgergarden Mittel der Wahl liberal-progressiver Strömungen (2). Genau dieser nahezu komplette Wahrnehmungswandel ist einer der Gründen, aus denen ich begonnen habe, mich aus historischer Perspektive für Bürgergarden zu interessieren.

Im Fall der spanischen Bürgergarde des 19. Jahrhunderts, der Milicia Nacional tritt hierzu ein weiterer Moment der Befremdung: nämlich die Feststellung, dass sie bis heute noch ganz andere spontane Assoziationen hervorruft. Als ich beispielsweise mit einem Mitarbeiter des Instutito Cervantes in Frankfurt auf die Milicia Nacional zu sprechen kam, wusste er nicht nur erstaunlich gut über die Bürgergarde des 19. Jahrhunderts Bescheid. Er schlug auch unmittelbar den Bogen zu den anti-franquistischen Milizen des 20. Jahrhunderts. Ebenso wird in der Forschung die Milicia Nacional immer wieder als Vorläuferin der anti-faschistischen Milizen des Bürgerkriegs eigeführt (3).

Dass in Spanien anders als in der deutschen oder französischen Forschung zu den jeweiligen Bürgergarden des 19. Jahrhunderts eine Verbindung zu linken Strömungen des 20. Jahrhunderts hergestellt wird, erklärt sich ein stückweit aus der tatsächlichen Geschichte der Milicia Nacional. Immerhin blieb den spanischen Liberalen eine ähnlich schlagartig Ernüchterung erspart, wie man sie diesseits der Pyrenäen während der 1848er Revolutionen erlebte, während derer wie in einem Brennglas konzentriert das funktionale Versagen, aber auch die Obrigkeitstreue zahlreich Bürgergardeneinheiten sichtbar wurde.

Zugleich hat die assoziative Verbindung die zwischen der Milicia nacional  und den anti-franquistitsche Milizen des 20. Jahrhunderts auch mit dem Hintergrund zu tun, vor dem in Spanien die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bürgergarde 19. Jahrhunderts begann: die bis heute grundlegende Monographie zur Milicia nacional erschien Ende 1970er Jahre, zu einer Zeit, in in der die Beschäftigung mit dem 19. Jahrhundert geradezu als Ausdruck einer widerständigen Geschichtswissenschaft betrachtet werden konnte (2). Immerhin war innerhalb des Franquismus das 19. Jahrhundert einer Art damnatio memoriae anheim gefallen: aus rechts-konservativer Sicht erschien es als Jahrhundert des nationalen Abstiegs, das zudem diejenigen politischen Strömungen – Liberalismus, demokratischer Republikanismus, Sozialismus, Anarchismus – gebar, die diesen Niedergang zu verantworten hatten.

Damit lädt das Phänomen der Bürgergarde dazu ein, auf das 19. Jahrhundert als fremd gewordene Wurzel der Gegenwart zu blicken – und dies aus vergleichender Perspektive zu tun.  Die vergleichende Perspektive führt uns die situative Bedingtheit unsere eigene Interpretation der Vergangenheit vor Augen, während die Phänomen der Bürgergarden selbst darauf verweist das bestimmte Einrichtungen zu einer Zeit, in der die Grundlagen der vorderen Verfassungsstaaten gelegt wurden, ganz Interpretation hervorriefen und ergo auch auf Projekte von Staat und Staatlichkeit verweisen, die sich uns erst erschließen, wenn wir versuchen, sie aus dem Kontext des 19. Jahrhunderts zu verstehen. Sie zu rekonstruieren ist wichtig, um die Vergangenheit weder als einen gerichteten noch als einen sich zufällig ergebenden Prozess zu betrachten.

(1) zu München siehe: Michael Watzke: Freiwillig auf Streife gehen, 18. August 2016, veröffentlicht auf deutschlandfunk.de. Für einen Artikel der schon früh auf den Zusammenhang zwischen rechter Einstellung und Bürgerwehrgründungen aufmerksam machte: Julia Naue: Bürger für Rechts und Ordnung, 14. Januar 2016, zu finden auf  fr.de
(2) Zu deutschen Bürgergarden im 19. Jahrhundert siehe die hervorragende Monographie von Ralph Pröve: Stadtgememeindlicher Republikanismus und “Die Macht Des Volkes”. Civile Ordnungsformationen und kommunale Leitbilder politischer Partizipation in deutschen Staaten vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2000. Zum französischen Fall siehe unter anderem: Dupuy, Roger. La Garde nationale (1789-1872). [Paris]: Gallimard, 2010. Sowie: Larrère, Mathilde. L’urne et le fusil. La Garde nationale de 1830 à 1848. Paris: Presses Universitaires de France, 2016.
(3) Herrero Maté, Guillermo. Liberalismo y Milicia nacional En Pamplona durante el siglo XIX. Pamplona: Universidad Pública de Navarra, 2003.
(4) bei der bis heute grundlegenden Arbeit zur Milicia Nacional handelt es sich um: Pérez Garzón, Juan Sisinio. Milicia nacional y revolución burguesa: el prototipo madrileño. Madrid: Consejo superior de investigaciones cientificas, 1978.
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