Warum man irgendwann anfängt …

… über Historia Contemporánea zu bloggen

Blogprojekte sind oft biographisch bedingt und Biographien oft erstaunlich zufällig: Mein Interesse an Geschichte des 19. Jahrhunderts wurde durch ein Buch des französischen Historikers Pierre Rosanvallon geweckt, das mir in Madrid – auf Spanisch – in die Hände fiel. Mit den Jahren ist mein Interesse an der jüngeren Geschichte beider Länder kontinuierlich gewachsen. Doch während Sprachkenntnisse, Forschungseinrichtung und -traditionen sicherstellen, dass einem immer mal wieder an deutschen Einrichtungen beheimatete Expertinnen zu französischer Geschichte des 19. Jahrhunderts über den Weg laufen, sieht das für den spanischen Fall ganz anders aus: In meiner gesamten Dissertationszeit sind mir genau zwei in Deutschland ansässige Wissenschaftlerinnen begegnet, die auf Spanien mit einem ähnlichen zeitlichen Fokus wie ich blicken.

Ein Blog ersetzt keine Forschungsinfrastruktur. Aber er ist eine Möglichkeit, auch für weit entfernte Menschen „sichtbar“ nachzudenken und dem spontanen In-die- Hände-Klatschen Ausdruck zu verleihen, in das man ausbrechen möchte, wenn man eine Neuerscheinung entdeckt oder über eine Radiofeature stolpert. Und vielleicht erkennt sich ja jemand In-die- Hände-Klatschen wieder? Oder füllt sich irritiert? Denn wenn es hier zwar um spanische Geschichte geht, verfolgt der Blog sicher nicht das Ziel ein Hoch auf Nationalstaat und Nationalgeschichte zu singen. Paradoxerweise ist oft aber gerade die Konfrontation mit einer anderen national-historiographischen Tradition, die eine den eigenen nationalen Kontext relativierende Irritation hervorruft.

Eine dieser neugierig machenden Irritationen erklärt auch den zeitlichen Fokus dieses Blogs: Für die spanische Geschichtsschreibung nämlich beginnt „Historia Contemporánea“, also wörtlich die Zeitgeschichte erstaunlich früh und rund 100 Jahre früher als im deutschen Forschungskontext. Ähnlich wie Frankreich setzt sie mit der Ursprüngen des ersten Verfassungsstaates ein und umfasst daher den Abschnitt von 1808 bis zur Gegenwart. Passender Weise erlebte ich 2012 den 200-jährigen Geburtstag dieser ersten Verfassung vor Ort in Spanien mit und damit auch, wie er auch zu einer Suche nach den demokratischen Wurzeln des Landes wurde – was wiederum bei mir die Frage generierte, wie solche Tage in Deutschland begangen werden.

Wie stark es in der Wissenschaft tatsächlich möglich und sinnvoll ist, 19. 20. und 21. Jahrhundert direkt aufeinander beziehen, ist sicher fragwürdig. Dennoch finde ich es aus dieser persönlichen Irritation heraus spannend, in einem Blogprojekt die Jahrhunderte immer mal wieder assoziativ gegenüberzustellen. Nichtzuletzt nämlich ist dieser Blog auch ein Experiment für mich selber: Nach Jahren der Wissenschaftsprosa wieder freier zu schreiben und nicht immer alles mit Skrupolösität der Expertin sagen zu müssen.

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