Regionale Diversität und internationale Bezüge. Traditionelle spanische Kleidung in der Maison Victor Hugo

Die Ausstellung Costume espagnoles. Entre ombre et lumiére in der Maison Victor Hugo in Paris zeigt traditionelle spanische Kleidung des 19. Jahrhunderts und wirft die Frage auf, was eigentlich „spanische“ Kleidung sein soll

Die berühmteste Repräsentantin des leidenschaftlichen und dunklen Spanienbildes der Romantik ist vermutlich Prosper Merimées Carmen, also die durch „fahrendes Volk“  sozialisierte, in Sevilla ansässige femme fatale schlechthin. Durch Bizets Oper wurde sie unsterblich. Doch auch Victor Hugo hatte seinen Anteil an der Kreation eines exotischen und bis heute nachwirkenden Spanienbildes. Als Sohn eines Napoleonischen Generals verbrachte er entscheidende Jahre seiner Kindheit in Madrid und Figuren wie Preciosa, einer Vorgängerin Carmens, oder das Drama Torquemada zeugen von seiner Verbundenheit mit dem Land – und der faszinierende Andersheit, die er in ihm sah.

Corbijas aus Südspanien, aufgenommen durch José Ortiz Echague

Passend zu seiner Vorliebe für das „ursprüngliche Spanien“ legte Hugo eine Sammlung von spanischen Trachten an, die bis heute zu den bedeutendsten außerhalb des Landes zählt. Sie bietet den Anlass für die Ausstellung Costume espagnoles. Entre ombre et lumiére, die in Kooperation mit dem Museo de Traje de Madrid bis September in der Maison Victor Hugo in Paris gezeigt wird. Zu sehen sind rund 80 Kleidungs- und Schmuckstücke aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die aus den verschieden Regionen Spaniens stammen. Die Kleidungsstücke werden durch Fotografien von José Ortiz Echague flankiert. Bereits als Teenager bereiste Ortiz Echague das Land und dokumentierte, getrieben vom Gefühl, das traditionelle Spanien vor seinem Untergang festhalten zu müssen, gerade Kleiderbräuche. Dabei erinnert zunächst viel auf seinen Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Bildern an das exotische, fremde Spanien der Literatur.

Mit bunten Farben und Pluderhosen: Traditionelle Kleidung aus Mallorca

Dennoch zeigen die Bilder wie auch die Kleidungsstücke bei genauerer Betrachtung, dass dieses Spanien, das es festzuhalten galt, gar nicht existierte: Statt auf nationale Einheit verweist das Gezeigte auf regionale Unterschiede und internationale Bezüge. Den farbenfrohen, und mit Blumendekor versehenden Gewändern der Balearischen Inseln, steht die bestrickende schwarze Strenge der südspanischen Cobijas gegenüber (wie sieht eigentlich ein Schador aus, wenn er kunstvoll beleuchte ist?), während nordspanische Holzpantinen eher an die Niederlande denn an Hispania denken lassen. Die geometrischen Muster eines schwarzen Boleros hingegen erinnern an arabische Lederarbeiten und verweisen wie die immer wieder auftretenden Pluderhosen auf das maurische Erbe der iberischen Halbinsel. Zugleich unterscheidet sich die schlichte braun-schwarze Wolltracht aus dem Dorf Aliste stark von der mit bunten Stickerei verzierten Kleidung des nur wenige Kilometer entfernt liegenden Toro – was nahelegt, dass Wohlstandsgefälle und konkreter Zugang zu Handelswegen den Kleidungsstil nicht nur stärker als eine vermeintlich national-spanische, sondern auch als mögliche regionale Identitäten prägten.

Erinnern eher an Holland denn an Spanien: Holzpantinen aus der nördlichen Provinz Gallizien

Bei allem Gefallen, Staunen und Lachen über die Exponate würde man sich als Historikerin freilich einige zusätzliche Informationen wünschen. Neben sozialhistorischen Angaben wären dies vor allem konkretere Daten sowie Karten, die nicht nur die Herkunft eines bestimmten Objekts, sondern auch die Verbreitung des Objekttyps widerspiegeln. Dies wäre für das Nachdenken über die Entstehung der iberischen „Regionalnationalismen“ aufschlussreich. Die Ausstellung gewönne auch, wenn die Spannungen (aber auch Überschneidungen!) zwischen der materiellen Vielfalt und der Konstruktion eines literarisch-intellektuellen Spanienbildes wie durch Hugo, aber auch durch spanische Eliten geschehen, explizierter angesprochen werden würde.

Allerdings gehen solche Forderungen weit über das hinaus, was die Ausstellung leisten will: Sie gliedert sich in eine Reihe von drei dieses Jahr in Paris stattfindenden Werkschauen ein, die sich mit spanischer Mode als Kunstobjekt befassen. Positiv anzumerken ist zudem, dass in der ständigen Ausstellung zu Hugos Leben und Werk wiederholt sein Verhältnis zu Spanien thematisiert wird. Durch diese Kombination kann Costume espagnoles. Entre ombre et lumiére eine ganze Reihe von Fragen zu Konstruktion und der gelebten Wirklichkeit von nationalen und regionalen Identitäten aufwerfen und materielle Kultur als Zugang zu diesen Fragen ins Bewusstsein bringen.

Keck wie Manets französische Amazone mit Zylinder. Auch so kann Spanien im 19. Jahrhundert aussehen. Eine Madrilenin aufgenommen durch Ortiz Echague

 

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